Biografie einer Schule

23. Mai 2024

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Wie aus Haupt- und Realschule die Von-Zumbusch-Gesamtschule entstand

Alte, marode Schulen und klamme Kassen der Kommunen – der Investitionsrückstand wird nach Schätzungen der Förderbank des Bundes KfW auf 47 Milliarden Euro geschätzt. Nach Informationen des Städte- und Gemeindebunds ist dies aber nur ein Teil der insgesamt 166 Milliarden Euro, die für die Sanierung aller öffentlichen Gebäude benötigt werden. Dazu kommt der sich verschärfende Lehrermangel. Wie sollen unsere Schulen unter diesen Voraussetzungen junge Menschen fit für ein Leben in einer digitalen, komplexen Welt machen?

Ja, es wäre schön, wenn die meisten maroden Schulen aus den 1950er- bis 1980er- Jahren durch moderne pädagogische Architektur des 21.Jahrunderts ersetzt würden. In der Regel sind sie stark sanierungsbedürftig, oft schadstoffverseucht oder entsprechen nicht mehr aktuellen Brandschutzanforderungen. Ganz zu schweigen von der Umsetzung der Inklusion, Differenzierung oder neuer Lernformen wie dem selbstorganisierten Lernen (SOL) oder dem projektbasierten Lernen (PBL). In der klassischen Flurschule der letzten 150 Jahre war all das nicht geplant. Und nicht nur das typische Klassenraumkonzept ist überholt, auch das klassische Lehrerzimmer steht auf dem Prüfstand. Ganztagsangebote, Sozialpädagog:innen und -arbeiter:innen, Inklusionsbegleiter, „Buftis“ und interdisziplinäre Teams sowie zunehmend mehr Akteure im Schulleben erfordern mehr räumliche Optionen für Pädagog:innen, Verwaltung und andere Professionen.

Vom Wandel in Herzebrock-Clarholz

Was tun, wenn die finanziellen Mittel begrenzt sind? Können vielleicht auch Verbesserungen erzielt werden durch mikroinvasive Eingriffe, andere Ausstattungskonzepte, Sanierung im Bestand und Teilneubauten? Im Jahr 2012 wurde in Herzebrock-Clarholz, einer Gemeinde am westlichen Rand von Ostwestfalen an der Grenze zum Münsterland mit etwa 16.500 Einwohnern, die Von-Zumbusch-Gesamtschule gegründet. Auf dem Gelände waren zu dieser Zeit noch eine Haupt- und eine Realschule in Betrieb, die sukzessive durch die neu geschaffene Gesamtschule abgelöst werden sollten.

Die Bestandsgebäude aus den 1960er-, 1970er- und 1990er-Jahren wurden in diesem Prozess zum Teil saniert und neugestaltet, als eine erste Baumaßnahme wurde 2013 eine neue Mensa gebaut. bildung+ hat die Schule besucht und sich mit dem stellvertretenden Schulleiter, Christian Abendroth, gedanklich und physisch auf eine Zeitreise begeben.

Christian Abendroth, stellvertretender Schulleiter der Von-Zumbusch-Gesamtschule in Herzebrock-Clarholz, erzählt über neue Raumkonzepte und wie er sie in den Bestandsgebäuden seiner Schule um-gesetzt hat.© Jürgen Luga
Christian Abendroth, stellvertretender Schulleiter der Von-Zumbusch-Gesamtschule in Herzebrock-Clarholz, erzählt über neue Raumkonzepte und wie er sie in den Bestandsgebäuden seiner Schule umgesetzt hat.
© Jürgen Luga

Herr Abendroth, Sie waren quasi von Anbeginn dabei. Wie sind Sie gestartet?
Abendroth: Ich habe mich im Sommer 2012 an der Schule vorgestellt. Da war der Neubau der Mensa bereits geplant. Die war notwendig für die neue Schule, die ja als Gesamtschule im Ganztag angetreten ist. Im Dezember 2013 wurde die Mensa in Betrieb genommen. 2014 begannen wir dann mit den Überlegungen für die baulichen Veränderungen im Bestand bzw. für notwendige Neubauten.

Mit welchem Ergebnis?
Zu Beginn haben wir uns mit bestehenden Musterraumprogrammen befasst, also: Wie viele Klassen benötigen wir für die Anzahl an Schüler:innen? Es kam ja auch noch eine Oberstufe dazu und damit war klar, dass wir auch mehr Fachräume brauchten, zum Beispiel acht statt der sechs vorhandenen naturwissenschaftlichen. Und so hat es sich auch für Kunst und Musik dargestellt.

Blick in das Selbstlernzentrum der Von-Zumbusch-Gesamtschule in Herzebrock-Clarholz – einer von mehreren offenen Lernbereichen. Auch ein zentrales Lehrerzimmer gibt es nicht mehr.
Blick in das Selbstlernzentrum der Von-Zumbusch-Gesamtschule in Herzebrock-Clarholz – einer von mehreren offenen Lernbereichen. Auch ein zentrales Lehrerzimmer gibt es nicht mehr.

Wer hat Sie bei den Planungen unterstützt?
Zuerst haben wir nach einem klassischen Architekten gesucht. Und ich habe mich auch selbst umgeschaut und bin auf die Montag Stiftung gestoßen, habe eine Veranstaltung zur Phase 0 (siehe Infokasten) in Hamburg besucht und da ist der Plan gereift, selbst ei-ne Phase 0 vor der eigentlichen Bauplanung durchzuführen.

 


Leistungsphase 0

Ziel und damit auch Grund für eine Leistungsphase 0 ist die Definition eines Raum- und Nutzungskonzepts als Grundlage für die später zu erbringenden Architekturleistungen. Um ein Raum- und Nutzungskonzept aufstellen zu können, muss Architekt:innen klar sein, was die Nutzer:innen brauchen. Daher bildet der nutzerzentrierte Beteiligungsprozess den Kern der Phase 0. Hierbei erarbeiten die späteren Nutzer:innen gemeinsam mit Architekt:innen, Fachplaner:innen, Pädagog:innen und den Entscheidungsträger:innen die Bedarfsanforderun-gen (für Nutzung und Raum) für das spätere Gebäude. Eine der Hauptaufgaben dabei ist es, mit allen Projektbeteiligten eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Über dies lässt sich dann auch die gemeinsame Vision für die Umgestaltung oder Neugestaltung des „Raums“ bilden.

Eine so erarbeitete Vision ist umso realistischer umsetzbar, je mehr Projekt moderator:innen die Haltung und Arbeitsweisen der Nutzer:innen verstehen. Umgekehrt lernen die Nutzer:innen durch den Handlungsspielraum wie Architekt:innen denken und arbeiten. So entsteht ein Verständnis für Erschließungswege, Fluchtpläne, Brandschutz, Denkmalsschutz, Verkehrsgutachten oder Bebauungspläne.


 

Vom Kämmerer war bereits ein bestimmter Posten für den Ausbau der Gesamtschule eingestellt worden. Wir haben die Gemeinde dann aber überzeugt, dass wir diese Phase 0 brauchen, um wirklich zu wissen, was wollen wir überhaupt, was wollen Schüler:innen, was wollen Eltern?

Wir wollten damals Schule radikal ändern und haben auch ein bisschen rumgesponnen: eine Rutsche aus dem ersten Stock zum Beispiel war eine Idee. Und dann haben auch unsere Schüler:innen, zu der Zeit ja erst die fünfte und sechste Klasse, Bilder gemalt, wie sie sich eine ideale Schule für sich vorstellen.

Nach dem Impuls der Montag Stiftung sind wir an die Gemeinde herangetreten, damit sie weiß, dass wir eine zeitgemäße Schule wollen und nicht eine, die rückwärtsgewandt ist.

In den Fluren befinden sich Begegnungsecken, in denen sich die Schüler:innen zurückziehen können.
In den Fluren befinden sich Begegnungsecken, in denen sich die Schüler:innen zurückziehen können.

Mit welchem Ergebnis?
Wir haben uns mit der Gemeinde geeinigt, und sie hat Geld für die Phase 0 in die Hand genommen. Das haben wir den Verantwortlichen hoch angerechnet. Die Gemeinde hat dann ein passendes Architekturbüro gesucht und wurde mit kplan und dem Team von Herrn Auerbach fündig (1).

Und was ist dann von den Ideen, die im Vorfeld intern geboren wurden, in diesen Prozess eingeflossen und konnte gesichert werden?
Wir haben heute Differenzierungsräume und unterschiedliche offene Lernbereiche mit den dazugehörigen Möblierungskonzepten. Und der Neubau mit den Fachräumen ist besonders außergewöhnlich. Aber wir mussten auch auf die Gemeinde Rücksicht nehmen und deren finanziellen Möglichkeiten. Wir konnten nicht alles auf links drehen.

Was hat sich für die Lehrer verändert?
Es geht nicht nur um Arbeitsplätze, es geht insgesamt um Aufenthaltsqualität. Wir haben kein zentrales Lehrerzimmer, wie das früher eben normal war, sondern wir haben Teamzimmer für jeden Jahrgang, insgesamt sieben für die Jahrgänge fünf bis zehn, sowie ein Oberstufen-Lehrerzimmer.

Dazu haben wir einen Lehrerruheraum. Der war uns ganz wichtig. Wenn man mal von 8 bis teilweise 17 Uhr hier ist, muss man irgendwann auch die Möglichkeit haben, einfach mal 20 Minuten die Augen zuzumachen. Dann haben wir da noch den Lehrerarbeitsraum. Ich denke, der wird noch nicht ganz so genutzt, wie wir uns das vorgestellt haben, weil Kolleg:innen dann doch ihre Korrekturen in den Teamzimmern machen.

Und dann gibt es noch den Lehrerkräfteraum, der heißt tatsächlich so. Er ist sozusagen das zentrale Lehrerzimmer von früher, aber eben ohne Arbeitsmaterial, dafür mit mehr Lounge-charakter. Hier kann ich mich auch hinsetzen und korrigieren und arbeiten. Aber ich darf dann nicht sauer sein, wenn andere sich laut unterhalten.

Wie sind sie mit den unerfüllten Wünschen umgegangen?
Da wir vor allem in den Bestandsgebäuden baulich nicht alle Ideen verwirklichen konnten, wurden zum Beispiel die Klassenräume fast gleich gelassen. Wir hatten uns eigentlich auch zwei Differenzierungsräume pro Jahrgang gewünscht, aktuell gibt es jeweils nur einen. Was ohne großen Aufwand möglich war, haben wir natürlich geändert. Mit Mitteln aus dem Energiesparprogramm konnten wir die alte Beleuchtung durch eine modernere, angenehmere ersetzen.

Beim Neubau des Fachraumtraktes konnten Sie dann aber kreativ sein.
Ja. Die erste wichtige Frage war: Wie strukturieren wir das Fachraumkonzept? Gibt es ein Gebäude oder zwei? Gibt es ein naturwissenschaftliches Gebäude und ein musisches? Am Ende hat man das alles zusammengefasst. Das Laute und das „Schmutzige“ kommt ins Erdgeschoss und die Naturwissenschaften packen wir obendrauf.

Das heißt, keine Trennung nach Fächern, sondern eher nach Merkmalen wie laut, leise, geordnet, kreativ …
Ja, auch. Im Erdgeschoss ist wirklich Darstellen und Gestalten angesiedelt. Da gibt es Teppichräume, die Kunst daneben, dann kommt die Technik mit Werkzeugen, die Musik mit Instrumenten und mehreren Proberäumen, und im Obergeschoss befinden sich die ganzen Naturwissenschaften.

In der Selbstlernecke des MINT-Zentrums der Gesamtschule können sich Schüler:innen neues Wissen in ruhiger Atmosphäre aneignen.
In der Selbstlernecke des MINT-Zentrums der Gesamtschule können sich Schüler:innen neues Wissen in ruhiger Atmosphäre aneignen.

Was würden Sie gern noch verbessern?
Wir haben mit der Firma Tönnies einen Arbeitgeber im Einzugsgebiet, der schon immer Familien aus ganz Europa und dem osteuropäischen Raum angezogen hat, sodass wir immer auch Kinder gehabt haben, die kein Deutsch konnten. Der Anteil ist mit der Flüchtlingskrise 2015 und aktuell mit dem Ukrainekrieg noch mal gestiegen.

Um diese Gruppen zu beschulen, brauchen wir Räume, die wir damals nicht eingeplant hatten. Da brauchen wir keine Klassenräume, sondern kleinere Räume, in denen ich kleinere Gruppen unterrichten kann, mit denen ich variabler werde.

Es gäbe noch viele Themen, über die wir reden könnten: selbstorganisiertes Lernen, wie zum Beispiel im Homeschooling während der Coronapandemie oder Digitalisierung. Wie flexibel muss Schule heute sein?
Ich glaube, dass eine Schule so gut sein kann wie einfach alle Menschen, die darin arbeiten und bereit sind, nach ihren Möglichkeiten das Beste für die Schüler:innen hinzubekommen. Wenn das gegeben ist, kann man auch flexibel reagieren. Dann kann man auch gemeinsam etwas Neues gestalten und ungewohnte Situationen durchstehen.

Und natürlich gibt es noch Potenziale, sowohl bei der Unterrichtsgestaltung oder wie wir unsere Schüler:innen mehr mit einbeziehen und wie wir ihre Selbstständigkeit stärken.

Ihr Fazit nach zehn Jahren an der Gesamt-schule Herzebrock-Clarholz?
Wir haben aus den vorhandenen Gebäuden und den Mitteln für Sanierung und Teilneubau versucht, das Bestmögliche zu machen. Und das werden wir auch weiter tun. Wir werden auch in Zukunft nicht über enorme Geldmittel verfügen, weil wir eine Goldmine gefunden haben. Das wird nicht passieren.

Wir müssen unser Arbeiten, unsere Kultur, den Zusammenhalt, die interdisziplinären Teams, die pädagogische Kompetenz, die Resilienz für kommende Herausforderungen weiterentwickeln. Und sicherlich wird es auf dem Weg Möglichkeiten geben für Sanierungen im Bestand oder einen kleinen Neubau auf dem Schulgelände.

Manchmal führt auch schon ein kleiner Eingriff zu einer Verbesserung. 2014 haben wir uns zum Beispiel gefragt: Wie gelingt es uns, in diese Lerngruppe Ruhe reinzubekommen? Ein Ergebnis war, den Bereich hinter der Tafel blau anzustreichen. Die Veränderung der Lernkultur hat viele Facetten.

Als Bildungsredakteur höre ich meistens: Wir brauchen mehr Lehrer:innen, mehr Räume, mehr Geld!
Wir sind in unserer kleinen Gemeinde die einzige weiterführende Schule, neben den drei Grundschulen. Wir kennen unsere Leute im Rathaus, wir kennen den Bürgermeister, wir haben den direkten Kontakt – auch zum Gebäudemanagement, zur Politik, den einzelnen Fraktionen. Wir kennen uns und reden miteinander, das ist anders als in einer großen Stadt.

Es gibt eine gegenseitige Wertschätzung, einen Bezug zu dem, was mit den bewilligten Geldern möglich wird, und das Vertrauen in uns, Dinge auszuprobieren, die es während meiner Schulzeit nicht gab.

Danke für das Gespräch und die Führung, bei der ich die Fotos machen durfte.

Anmerkung (1)
Christian Auerbach leitet heute conceptk, eine Tochtergesellschaft der kplan AG. Die Arbeit von conceptk konzentriert sich auf die Phase 0, pädagogische Architektur und New Work – New Learning.

 


conceptk auf der Learntec 2024

Gestalten Sie die Zukunft der Bildung mit conceptk auf der Learntec 2024!

Hier sind unsere Programmpunkte:

  • Keynote: Projektbasiertes Lernen
    • Datum: 5. Juni, 10:00 – 11:00 Uhr
    • Ort: school@learntec Forum Panel A
    • Referent: Søren Andersen
  • Praxisbezogener Workshop
    • Datum: 5. Juni, 11:00 – 13:00 Uhr
    • Ort: Panel B
  • Vortrag: „Microinvasive Schulentwicklung“
    • Datum: 6. Juni, 11:30 – 12:15 Uhr
    • Ort: School@learntec Forum
    • Referenten: Christian Auerbach und Tanja Lübbers

Vereinbaren Sie einen Termin auf der Messe für ein unverbindliches Beratungsgespräch.

Ihr Team von conceptk


 

Autor

  • Jürgen Luga

    Jürgen Luga ist Bildungsredakteur und DesignThinking Coach. Im Team von conceptk ist er seit Februar 2021 Projekt- und Workshopleiter mit Schwerpunkt „New Work – New Learning“ im Kontext von Bildungs- und Verwaltungsarchitektur. In den vom ihm durchgeführten Beteiligungsprozessen dreht sich alles um die Nutzerbeteiligung und Bedarfsermittlung. Aktiv unterstützt und leitet er Projekte im Bereich Pädagogische Architektur und New Work in der kommunalen Verwaltung und im Immobilienmanagement. Dazu gehört die Schulentwicklung genauso, wie die Phase 0 für einen Rathausneubau oder den Umbau eines Verwaltungsgebäudes. Seine Arbeit umfasst bei Bedarf auch die Moderation von Öffentlichkeits- oder Entscheidungsprozessen auf Basis der erarbeiteten Studien und Projektergebnisse. Dabei ist seine langjährige Erfahrung als Redakteur und Moderator hilfreich.

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